Heimatspaziergang: Mit Klaus Kinski auf Bonnies Ranch
Nach Freigabe der Krankenakten der im Reinickendorfer Ortsteil Wittenau gelegenen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (ursprünglich Städtische Irrenanstalt zu Dalldorf, dann bekannt unter dem Namen Wittenauer Heilstätten, heutzutage vom Berliner Volksmund praktisch ausschließlich als Bonnies Ranch bezeichnet) zu historischen und anderen Forschungszwecken vor einigen Monaten meldete die Speerspitze unter Berlins investigativen Lokalblättern, die B.Z., ihre neueste Entdeckung:
● Er vergötterte seine Ärztin als Wiedergeburt der Mutter
● Als sie ihn abwies, rastete er aus und würgte sie im Wahn
● Er trank geklautes Morphium, wollte sich umbringen. Einweisung
Und lieferte gleich, die Story dahinter, wie wir im Artikel Thomas Kittan lesen können:
Es begann 1949: Wegen psychischer Probleme begibt er sich bei der Berliner Ärztin Milena Bösenberg in Behandlung. Er vergöttert die 47-jährige Medizinerin, weil sie seiner bei einem Luftangriff im Krieg gestorbenen Mutter (damals 42) so ähnlich sah. Er kommt immer öfter. Zu oft.
Befund: „Klaus Kinski ist gemeingefährlich“
Die Ärztin distanziert sich von ihm. Am 5. September 1950 bekommt der 23-jährige Kinski bei ihr einen Tobsuchtsanfall. Er zertrümmert ihre Kücheneinrichtung. Dann würgt er die Ärztin. Dabei ruft er: „Du Hure“.
Mit Tabletten will er sich umbringen. Doch im Medikamentenschrank von Milena Bösenberg findet er nur Morphium. Er klaut drei Pullen und trinkt sie wie Schnaps. Jetzt steht er völlig neben sich, ruft die Polizei und verlangt, dass man die Ärztin abholt, weil sie verrückt sei. Die Beamten erkennen seinen kritischen Zustand, nehmen ihn mit.
Aus dem Protokoll der Akte: „Ein Transport mittels Autodroschke ist erforderlich.“ In den Wittenauer Heilstätten (später die von den Berliner Bonnies Ranch genannte Karl-Bonhoeffer Nervenklinik) gab's dann den Befund: psychopathische Persönlichkeitsstörung. Ein Arzt empfiehlt wegen „Gemeingefährlichkeit“ eine längere Einweisung in eine Nervenklinik.
Doch offenbar kommt Kinski wieder zu
sich, bereut und entschuldigt sich bei Frau Doktor. Dann jammert er den
Ärzten vor: „Für mich ist das hier wie Zuchthaus.“ Am 8. September 1950
wird er entlassen.
So ganz neu ist das ganze natürlich alles nicht, denn über diese Zeit hat sich Kinski bereits in seiner Autobiographie ausführlich geäußert. Dort ist nachzulesen:
Ich war bis nach Tempelhof gelaufen, um mit zwei Mädchen zu ficken, die sich um mich kümmern wollen. Vor ihrer Haustür habe ich keine Kraft mehr und sacke im Rinnstein zusammen. Sie schleifen mich zu sich ins Bett und rufen eine Ärztin, Dr. Milena Bösenberg.
Die acht Wochen Krankenhaus fressen an meinen Nerven. Ich bin überreizt und jähzornig und werfe den Krankenschwestern die heissen Umschläge hinterher, die sie mir auf die Galle legen. Auch zum Lesen fehlt mir die Geduld. Ich bin ein eingesperrtes Tier, das an nichts anderes denkt als auszubrechen.
Endlich lasse ich mir Papier und Federhalter geben und schreibe eine Abhandlung über das "perfekte Verbrechen". Die Idee ist mir gekommen, als ich vor ein paar Wochen noch einmal Schuld und Sühne gelesen habe. Raskolnikoff verfasst eine solche Arbeit, die ihm später vom Untersuchungsrichter als Verdachtsmoment zur Last gelegt wird. Im Roman wird der Wortlaut der Abhandlung nicht angegeben. Ich schreibe den Text für den Fall, dass meine Bühnenfassung eines Tages aufgeführt wird und ich Raskolnikoff sein werde.
Mir fällt wieder das Ölgemälde von Holbein ein, das Jesus im Grab darstellt: Starr, tot, mit grünlichem Gesicht, den Bart spitz nach oben gegen die Erde gestreckt, mit der man ihn zugeschaufelt hat. Krepiert. Verreckt. Verwesend. Dostojewskij war zutiefst erschrocken von dem Bild. Er hatte Angst, dass die Gläubigen den Glauben an die Unsterblichkeit verlieren könnten, wenn sie das Bild sähen.
Heute nacht fliehe ich aus dem Krankenhaus. Ich kann es nicht mehr ertragen. Die Ärzte erlauben mir nicht, aus dem Bett aufzustehen, und ich kann den Rest der Rechnung soweiso nicht bezahlen.
Ich gehe zu Fuss nach Tempelhof und klingle an Milenas Wohnung, die
zugleich ihre Arztpraxis ist. Sie ist besorgt, zieht mich aus, badet
mich und legt mich in ihr Bett. Dann löscht sie das Licht und
entkleidet sich selbst im Dunkeln.
[Klaus Kinski: Ich brauche Liebe, 1989, S. 123-124]
Jedenfalls war die Freigabe der Krankenakten einmal mehr willkommener und berechtigter Anlass sich mit der Geschichte der Klinik auseinanderzusetzen, insbesondere ihrem düsteren Kapitel während der NS-Zeit, als die Anstalt Schauplatz im Dritten Reich Ort von Zwangsterilisationen und fragwürdigen Therapieexperimenten gewesen ist, wie wir im Deutschlandradio-Feature "Die Akten" von Mandy Schielke nachhören können:
Wer sich über diesen - im wahrsten Sinne des Wortes - morbiden Ort in gedruckter Form weiter informieren möchte, dem sei folgende Lektüre empfohlen:
- Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (Hrsg.): 100 Jahre Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik 1880–1980. Festschrift, Berlin, 1980.
- Totgeschwiegen 1933–1945. Die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik; Edition Hentrich: Berlin, 1988.
- Michael Zaremba: Reinickendorf im Wandel der Geschichte, Be.Bra: Berlin, 1999, S. 99-101.