"Hoffnung/Optimismus ist (nur) ein Mangel an Information."
(Heiner Müller)
Lange gestöbert, im weltweiten Gewebe ist nichts zu finden, keine definitive Wiedergabe dieses Zitats des Ostberliner Dramatikers Heiner Müller (1929 - 1995), der heute seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte. Der Weg zur Schlachtbank führt über die Datenbank:
Ob G00gle die Wahrheit spricht, weiß man nicht, die Hoffnung ist empirisch gegenüber dem Optimismus jedenfalls im Vorteil. Hilfe kommt von den 3 Suhrkamp-Bände umfassenden Gesprächen.
So gesehen hat er es schon längst im voraus gewusst, weiß sogar die Die Welt, denn: Die Welt braucht ein neues Wozu. Und wozu? Die Antwort gibt sie sich selbst:
Wir vermissen nicht die Sozialismen und Weltuntergangszenarien (von
denen haben wir genug), sondern den Typen: die Lakonik in salbadernder
Zeit wie die Zigarre in unseren rauchfreien Kneipen. Kommt Müller
wieder? Hoffnung ist Mangel an Information, hätte er wohl geantwortet.
Das zeigt, dass Müller längst Liebling des konservativen Feuilletons geworden ist, denn: der Der Text ist klüger als sein Autor. Die Online-Ausgabe des ND hingegen schweigt (natürlich), in der Printausgabe der taz feiert er wenigstens Wiederauferstehung - 3.000 neue Seiten von der Kommunikationsmaschine. In der SZ aber darf Jens Bisky dozieren:
Es gibt bei Müller, und das stört Geschichtsgefühlige, keine gute,
unschuldige Seite. Utopie und Terror fallen in eins, Liebe gleicht
aufgeschobenem Verrat, Sprache trügt. Die Theaterstatistik verrät
auch, dass Müllers Texte immer häufiger in Collagen verwandt, mit
Werken anderer zusammengespannt werden. Die Annahme liegt daher nahe,
dass seine Dramen vor allem als Material, in Fragmenten, überleben
werden. Das passt zum Schwergewicht der wie gemeißelt wirkenden Verse,
die Rätsel und Prägnanz verbinden, den hohen Ton treffen, der aus der
deutschen Literatur zu verschwinden droht.Müller-Sätze
vergisst man schlecht: Kommunismus - "ein Sommergewitter im Schatten
der Weltbank"; "Meine Braut heißt Rom"; "Ich stand an der Küste und
redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa". Weil
er den einzelnen Vers zum Schauplatz von Tragödie und dialektischer
Bewegung - ohne Synthese - zu machen verstand, kann man ihm ein langes
Nachleben prophezeien - auch gegen die Werkgestalt: "Wenn ich die Frau
bin und du bist kein Mann."
Der Aufstand beginnt als Spaziergang: Schließlich gibt uns der Deutschlandfunk in seinem Lyrikkalender ein Rätsel von Müller auf:*
Zwei Beine hat mein VaterDas eine ist aus Holz.
Er hats vom Krieg. Nun ratet:
Auf welches ist er stolz?
(Die Gedichte. In: Werke. Band 1. Hrsg. v. Frank Hörnigk. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998)
und gratuliert zusätzlich noch im Kalenderblatt dem Chirurg der Epochen:
Der Tod ist das Einfache. Sterben kann ein Idiot.
Heiner Müller starb schon 1995 aufgrund des Ekels an den Verhältnissen (Volker Braun) - heute wie vor zwei Jahrzehnten (Porträt zum 60. Geburtstag von Alexander Kluge). Damals befand sich Müller in Transformation:
*In seinen letzten Lebensjahren agierte der Dichter und
Dramatiker Heiner Müller (1929-1995) mehr als murmelndes TV-Orakel und
als Bonmot-Lieferant einer fatalistischen Geschichtsphilosophie denn
als Poet. Nach seinem Tod wurde nur noch selten registriert, dass
Müller auch vorzügliche Gedichte geschrieben hat - düstere Parabeln,
verknappte Legenden und reflexiv ausschweifende Geschichtspoeme
Genau - sehr richtig:
Wir produzieren Ordnung und Sicherheit.
Ja und Bewußtsein.
Ja und Bewußtsein Richtig Und die Mutter
Der Ordnung ist die Ordnungswidrigkeit
Der Vater der Staatssicherheit der Staatsfeind
(Heiner Müller, Wolokolamsker Chaussee IV Kentauren)
Das neue Jahr ist noch nicht einmal eine Woche alt und wer keine Probleme hat, der macht sich eben welche - oder zumindest Gedanken wie Werner van Bebber in der Berliner Lehrerpostille Tagesspiegel vom 04. Januar 2009.
Da Herr van Bebber - allein der Name evoziert Assoziationen irgendwo zwischen Loriotfigur und Groschenromanautor - ausnahmsweise nichts von Provinzpossen der Berliner CDU zu berichten weiß, was einen Großteil seiner journalistischen Tätigkeit der Thematik seiner Artikel nach zu urteilen einnimmt, versucht er einen psychologisierenden Exkurs in die Mentalität der Bewohner des ehemaligen (West-)Berliner Bezirks und heutigen Ortsteils des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, im folgenden kurz "Kreuzberger" genannt.
Unter der Überschrift:
"Immer gleich auf den Barrikaden" fragt er sich
Was ist bloß mit den Kreuzbergern los? Ob Mediaspree,
Bethanien-Besetzung oder Privatschul-Ansiedlung – ohne Protest geht’s
nicht.
Und nimmt diese Problemstellung zum Anlass nach Herzenslust gegen sein Feindbild des gemeinen Balkanesen vom Kreuzberg anzuschreiben. Dieser finde immer einen Weg, denen im Rathaus oder im Senat das Kreuzberger Verständnis von Basisdemokratie und Bürgerbeteiligung nahezubringen. Bethanien, McDonald’s, Mediaspree, Bäume am Luisenstädtischen Kanal, eine Privatschule im Bergmannstraßenkiez, die „Subway“-Filiale an der Schlesischen Straße – immer gibt es Gründe für Protest und Widerstand, und genug Leute dafür. Irgendeiner rebelliert immer in Kreuzberg, irgendwas wird immer bekämpft.
Da wird schon im ersten Absatz zusammengeworfen, was nicht zusammen gehört, angefangen bei der Tatsache, dass sich das geplante gigantomanische öffentliche Ärgernis "Mediaspree" mit seinen versprochenen (eben!!!) und längst nicht sicheren angeblichen Arbeitsplätzen nur teilweise in Kreuzberg befindet, dagegen die im Rahmen von "Mediaspree" errichtete O2-Arena bereits unwiderbringlich die Friedrichshainer Spreeriviera architektonisch verschandelt hat und sich damit in eine Reihe ähnlicher Architektenrohrkrepierer stellt, erinnert sei an das Velodrom, das Neue Kranzler-Eck, den gesamten Potsdamer Platz, praktisch alle Shopping-Center, insbesondere das abstoßende Alexa. So gesehen hat die Mediaspree soviel mit Kreuzberg zu tun wie der dort
anzutreffende Gräfe-Kiez mit dem Halligalli rund um das
Simon-Dach-Boulevard in F'hain:
Das von einem grünen Bezirksbürgermeister begleitete Großvorhaben
strandete in einem Bürgerbegehren. Damit setzten sich diejenigen durch,
die am Spreeufer möglichst wenig Veränderung, möglichst viel Frei- und
Spielraum bewahren wollen. Biertrinken unter freiem Himmel, freier
Flussblick, von einem alten Sofa aus genossen, ein Feuerchen brennt –
das ist vielen Kreuzbergern mehr wert als die versprochenen
Mediaspree-Arbeitsplätze. Kreuzberg gehört mit seiner anderen
Bezirkshälfte Friedrichshain zu den ärmsten Bezirken Berlins.
Van Bebber bebbert weiter und zieht dazu F.A.Z.-Journalistin und Autorin Iris Hanika als Kronzeugin zu Rate, die seit fast dreißig Jahren in Kreuzberg 36 lebt. Da es der Autor nicht sooo genau nimmt, sei hier für Unkundige und um zukünftige Fehler vorzubeugen nur darauf hingewiesen, dass sich der heutige Ortsteil Kreuzberg aus den beiden ehemaligen Postzustellbezirken Berlin 61 und SO 36 (=Südost) zusammensetzt, ein Kreuzberg 36 es ohnehin nicht gegeben hat, weswegen es auch nur manchem hart gesottenen Insider beim Verzehren Berliner Kulinaria aufstößt, dass sich der Currywurst-Tempel Curry36 im tiefsten 61 befindet. Van Bebber bemüht im folgenden Hanikas Roman Treffen sich zwei, der in Kreuzberg spielt, um diesen neuen Kreuzberger Konservatismus am Beispiel einer großen Grünfläche im ehemaligen Luisenstädtischen Kanal" zu verstehen: Kaum war bekannt geworden, dass die Fläche nach historischem Vorbild restauriert werden sollte, hingen überall Zettel. 'Versammlung' habe darauf gestanden, sagt Hanika. Aufgerufen wurde diesmal zum Protest gegen die Veränderung der Grünfläche. Das Ziel der Protestler: Es sollte bleiben, wie es war. Was aber war diese Fläche, fragt die Autorin mit Zorn in der Stimme: 'Ein Hundeklo!' Nunja, das ist so ziemlich ganz Berlin...
Bevor die Kolumne Kreuzberg gegenüber einem ausgemachten Mitte-Hype seit den neunziger Jahren, der mittlerweile zusammen mit Prenzl. Berg und F'hain hoffnungslos zu einem Pseudoalternativballermann-Mekka für Billigtouristen und -backpacker aus aller Welt sowie planlosem Studentenvolk verkommen ist, als zwischenzeitlich out deutet, rekurriert sie noch einmal auf Hanikas wunderbaren Text "Kreuzberg zur Verteidigung" aus jener Zeitenwende in - jetzt korrekt - SO 36. Persönliche Notiz: Der Autor dieses Blogs war übrigens auch so "out", dass er sich die Abende und Nächte in den Neunzigern nicht nur aus Kreuzberg-konservativer Haltung heraus lieber zwischen Schlesischem Tor, Südstern und Mehringdamm vertrieb, nicht zuletzt deshalb, weil ihm schon damals das hemmungslos überbewertete Ostszene-Hochgejubele gehörig auf den Zeiger ging, das sich dann auch in der Tat als relativ kurzlebig erwiesen hat.
Ein tiefer Griff ins Hundeklo der Geschichte schließt sich an und ein historisches Argument, die mentale Balkanisierung in Kreuzberg zu erklären:
Die zweite Gründung war Sache der Türken und der Besetzer. Der Mythos
wirkt bis heute, und zwar kräftig. Als halb Kreuzberg leer stand und
zur Beute von Spekulanten und Stadtplanern gemacht werden sollte, wurde
es neu besiedelt: von jungen Frauen und Männern aus Wessiland [...] sowie von jungen Männern und Frauen aus der Türkei. Die einen wollten
billig wohnen, um ihr Geld sparen zu können (Anm. leiwandesk: vermutlich auch, weil sie sich von ihrem Gastarbeitergehalt nichts anderes leisten konnten...). Die anderen wollten billig
und groß wohnen, in neuen Formen und Zusammenhängen, testweise ohne
Wände und Türen" und "kamen aus dem fernen, geordneten Westen vor vielen Jahren in die
Brachen-Metropole West-Berlin, in die große Sperrstunden- und
Experimentierfreiheit. Und was war in dieser Zeit in Kreuzberg 61 los? Ach
ja, "36 brennt, 61 pennt", ohne SO, damit es sich der Metrik geschuldet
besser reimt. Und in F'hain? Keine Ahnung, vermutlich Mauerspree statt
Mediaspree....
Das unsägliche Autorengejammer über die verbalkanisierte oft bedeutungsfrei zitierte so genannte "Kreuzberger Mischung" setzt sich im letzten Abschnitt mit dem angeblich chauvinistische Züge tragenden Umgang alteingesessener Kreuzberger mit dänischen Besuchern und zugezogenen spanischen und italienischen Bürgerkindern im literarischen Werk des Mitte der 1970er Jahre nach West-Berlin zugezogenen Westdeutschen Ulrich Peltzer auseinander:
Politik ist immer, und weil sich Kreuzberg wieder verändert, ist
Politik gegen diese Veränderung so wichtig wie 1973 Politik gegen
Spekulanten. „Soziale Entmischung“ sagen die einen, „Gentrifizierung“
sagen die anderen. Für beides stehen „Mediaspree“, der Verkauf vieler
alter Häuser überall in Kreuzberg, die steigenden Mieten. Das alles
sprengt die Kreuzberger Strukturen. Es fühlt sich schlecht an. Für
Ulrich Peltzer, den Autor von „Teil der Lösung“, einem Roman über das
neue Berlin, zeigt sich die Entmischung in einem seiner Lieblingscafés,
dem „Bateau Ivre“ am Heinrichplatz. Im Sommer, sagt er, hätten wir hier
nicht so sitzen können. Wegen der dänischen Touristen. Wegen der
spanischen und italienischen Bürgerkinder. Deren Eltern kaufen oder
mieten Wohnungen in Kreuzberg, weil es hip ist. Wie die Dänen,
Schweden, Norweger zahlen sie Preise, bei denen die Normal-Kreuzberger
nicht mitkommen. Ulrich Peltzer, seit 1987 Kreuzberger mit New Yorker Unterbrechungen,
ist ein gutes Beispiel eines eher linken, vielleicht deshalb
konservativen Kreuzbergers. In New York hat er gesehen, wie schnell
Viertel unbezahlbar werden, wenn das Geld sich in die Szenegegend
hineinkauft. In Kreuzberg passiert derzeit Ähnliches. Wenn auf der
Oranienstraße in Klamottenläden 100 Euro für einen Pullover verlangt
werden, ist das ein schlechtes Zeichen. Wenn ein Laden ayurvedische
Lebensmittel anbietet, ist das ein schlechtes Zeichen. Peltzer hat lange genug als freier Autor gelebt, bevor „Teil der
Lösung“ zu einem Erfolg wurde, um zu wissen, dass freie Autoren zur
Bewahrung ihrer Freiheit auf preiswerte Mieten angewiesen sind. Die
Dänen, die im Sommer das Bateau Ivre besetzen, beschimpft er als
„sozialdemokratische Wohlstandsspießer“. Den Grünzugrestauratoren hält
er entgegen, sie wollten es „repräsentativ“ und opferten dafür eine
Rasenfläche: „Niemand will das haben!“, sagt er.
Was mich solche Sentenzen über Sentenzen fragen lassen, ist wie laut von einem Bürgerentscheid mit seiner Ansicht nach falschem Ausgang wie demjenigen über "Mediaspree" getroffene Hunde von Tagesspiegel-Journalisten bellen bzw. bebbern können, ganz zu schweigen von den finanziellen Sporen, die man sich mit solchen Artikelkampagnen indirekt und für die Zukunft verdienen kann.
Ulrich Peltzer sollte sich hingegen aufgrund der mittlerweile am Boden liegenden spanischen Wirtschaft ein wenig entspannt zurücklehnen können, weil wenigstens bald (hoffentlich) Schluss ist mit dem Zuzug iberischer Wohlstandskinder, denn wenn sich deren Eltern keine Wohnungen bzw. deren Mieten für ihren Studentennachwuchs mehr leisten können, können sich diese Mod-Yuppie-Sprösslinge auch keine Pullover mehr für 100€uronen/Stück zulegen. Auch eine Form von Marktbereinigung, der Finanzkrise sei Dank! Oder um es mit den Worten der ebenfalls in der Kolumne angeführten Organisatorin des Kreuzberger Myfestes, Silke Fischer, zu sagen: „Wir wollten nie am Markt sein.“
Das das auch eine schmale Gradwanderung gewesen ist udn um der Wahrheit gerecht zu werden und schlichtenTatsachen Rechnung zu tragen, sei erwähnt,dass die in Kreuzberg im Vergleich zu anderen Berliner Stadtquartieren ausgebliebene Widerspenstigen Zähmung hauptsächlich auch ein Verschulden Zugezogener vorzugsweise westdeutscher Provenienz gewesen ist und hier vornehmlich von Schwaben, wie sich Werner Mathes, langjähriger Redakteur des Stadtmagazins tip in dem lesenswerten West-Berlin-Kompendium und unverzichtbaren Standardwerk zum Thema von Olaf Leitner erinnert:
Da hab ich gemerkt, dieser Mythos West-Berlin ruht auf Fundamenten, die bröcklig sind. Es war so ein komischer Mix aus Leuten, die irgendwann mal abgehauen sind, irgendwann von einem anderen Leben geträumt haben, sich aber hier sehr spießbürgerlich eingerichtet haben. Ich kann mich an Szenen erinnern, bei denen ich dachte, das kann doch nicht wahr sein: Da gab es Dreharbeiten in Kreuzberg, ich glaube zum Brasch-Film "Die Gladow-Bande". Da haben Kreuzberger gegen diese Dreharbeiten protestiert, Kreuzberg müsse Kreuzberg bleiben, Filmmafia raus! und alle, die da gebrüllt haben, waren Schwaben und haben sich auf schwäbisch verbeten, dass man in Kreuzberg dreht. [...] Ich zog '81 in die Goebenstraße, das war ein besetztes Haus. Da waren die Seitenflügel besetzt, die abgerissen werden sollten und da hatte ich eine Zwei-Zimmer-Wohnung, die damals 120 DM kostete. Die Stadt hatte verlangt, dass hinten also ein Flügel abgerissen werden sollte. Wir kriegten es aber hin, dass der Flügel stehen blieb. Die da unten wohnten, waren alles Linke, wie man dachte. Die machten sich dann beispielsweise Gedanken über den Abtransport des Bauschutts. Da sagte eine Linke, die "Hauptlinke" in diesem Haus: Der geht nicht bei uns durch, der geht im Nebenraum durch, da wohnen nur Türken. Da dachte ich: Holla, super! Da merkte ich, dass die Weltbilder, die man damals hatte, gebröckelt sind. Es gab ja damals so Blättchen wie das Info-BUG oder die radikal, da war ich auch immer, bevor ich beim tip landete, und da merkte ich, dass die Leute, die sich Anarchisten und Spontis nannten, die eifersüchtigsten waren, wenn es um ihre Freundinnen ging. Da stimmte nichts mehr. Du merktest, dass es in dieser Szene mehr Spießbürger gab als draußen, wo du die eigentlich vermutet hättest. Das war so symptomatisch für Berlin, dass es da viele eingewanderte Spießer gab, die ihre Süppchen gekocht haben, in ihren Cliquen saßen und immer wieder versucht haben, in Projekten hier ein bisschen Geld abzustauben, dort ein bisschen Geld abzustauben. Was teilweise ging und teilweise nicht. Dann waren sie aber auch wieder weg. Es setzte sich ein Firnis von Leuten ab, die das ganz gut beherrschten, die durchblickten, wo man das Geld herbekam, welche Stellen man anlaufen, welche Papiere man abgeben musste und wie das eigentlich läuft.
(Leitner (2002): West-Berlin! Westberlin! Berlin (West)!, S. 56, 61.)
Der Unterschied ist einfach, dass Berlin 61 und SO 36 seit über drei Jahrzehnten transformieren, Ende nicht absehbar - im Gegensatz zur verglühenden Szenerie (nicht Szene!) der einschlägigen östlichen Quartiere. Hätte van Bebber sich doch damit auseinandergesetzt und es aufgearbeitet, wäre auch ihm jene durchaus vorhandene Dialektik der Kreuzberger-Zugezogenen aufgefallen, die sich durchaus gelohnt hätte, sie zu diskutieren: wer suchen, finden und lesen kann, ist also einmal mehr klar im Vorteil.
Was bleibt? Vermutlich die Hoffnung, dass Kreuzberg (also 61 plus SO 36, aber natürlich ohne F'hain inklusive Mauer-/Mediaspreeufer) noch ein Weilchen der Balkan von Berlin bleibt und sich damit wohltuend vom Gegensatz des durch und durch gentrifizierten (ehemaligen) Szene-Ostens abhebt, indem/in dem der "Bionade-Biedermeier" und Latte Machiato-Chauvinismus der Medienpeople und des Müsli-Adels Blüten treibt. Insgesamt gesehen ist die Aufregung eh müde: Verglichen mit den Zuständen der 70er und 80er ist auch +berg - ganz wertfrei und neutral - nur noch ein Schatten seiner selbst, was die von Herrn van Bebber subtil und verstohlen zur Schau getragene Abscheu und Empörung nur noch um so unverständlicher erscheinen lässt. Denn bis es soweit ist, müssten erst wieder Steine gegen im Zuzug begriffendes Partyvolk wie dereinst gegen Touristenbusse auf Kreuzberg-Expedition fliegen, aber das kann man ja heute den Dänen besser beim Bier gerne erklären, was es damals damit auf sich hatte. Spätestens nach dem dritten ist es denen Dänen eh Pölser und sind Kreuzberger Nächte wieder lang.
Statt schreibende Knalltüten vom Schlage Hanika oder Peltzer zu konsultieren, hätte sich für Herrn van Bebber einfach ein Blick in das das bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienene, zur Zeit leider vergriffene und von Ulf Mailänder und Ulrich Zander herausgegebene kleine Westberlin-Lexikon gelohnt, das hiermit allen Interessierten empfohlen sei, in dem unter dem Stichwort Kreuzberg (S. 153) nachzulesen ist:
Nach polizeilichen Räumungen besetzter Häuser und entsprechenden Demonstrationen waren gewalttätige Straßenschlachten an der Tagesordnung. Zwar konnte der Bau seelenloser Betonsilos wie des Neuen Kreuzberger Zentrums nicht verhindert werden - aber immerhin setzte ein langsames Umdenken von Senat und Verwaltung ein, auch auf Druck der Bevölkerung von Gesamt-West-Berlin, welche die barbarische Kahlschlagpolitik mehrheitlich ablehnte. Behutsame Stadterneuerung hieß das neue Zauberwort und meinte: ein bisschen mehr Grün, sensiblere Sanierung und die Rückbesinnung auf das uralte Prinzip der Nachbarschaft von Wohnen und Arbeiten. Das führte zur Entspannung der Situation. Zuvor, in den wilden Jahren, war Kreuzberg zu einer bundesweiten Touristenattraktion geworden. Sauf- und pseudophilosophische Gesänge wie der Hit "Kreuzberger Nächte sind lang" und die Kunde von der alternativen, ungewohnt schmuddeligen Hochburg am Rande der bekannten Welt förderten den Voyeurismus der braven Leute aus dem Westen, sodass Armeen von Reisebussen durch die Bezirksstraßen rollten und sich die Bewohner wie Affen im Zoo beglotzt fühlten. Und nicht selten Steine oder Unrat gegen die Sightseeing-Busse warfen.
(Art. "Kreuzberg", in: Mailänder, Zander (2003): Das kleine Westberlin-Lexikon, S. 153.)
Herr Criminell, ick melde mir, manchmal war früher doch alles ein wenig besser, denn merke:
Um eine Prognose mit Lehmanschem Wahrheitsgehalt für 2009 zu wagen, ließe sich formulieren: Im Westen nichts Neues, denn der Osten mit Mitte, Prenzl. Berg und (größtenteils) F'hain ist verloren, der Kampf um Kreuzberg tobt längst, Ausgang offen und die nächsten Schlachten werden vermutlich im Wedding (Gesundbrunnen), Neukölln und Moabit geschlagen werden - oder auch nicht. Bis dahin gilt: Bankenkrise - Warten auf das Ende - und es besteht vielleicht die vage Hoffnung, die uns Martin Hildebrand vom Altpapier zitty mit Klischee-Durchhalteparolen wie dieser glauben machen möchte:
Kreuzberg wird kein Christiania für Großstadthippies, aber auch kein Soho für Kunstmillionäre. Es wird weiterhin ein Ort für gegensätzliche Lebensentwürfe bleiben, egal welche Pläne und Träume Einzelne verwirklicht sehen wollen. Das liegt vor allem an seinen Bewohnern, die sich stärker mit ihrem Bezirk verbunden fühlen als alle anderen Berliner. Trotz des Wandels, im Kern ist Kreuzberg immer gleich geblieben. Solange es linke Utopisten gibt, die gegen das Kapital ankämpfen, und Unternehmen, die trotzdem noch in Kreuzberg investieren, braucht man sich keine Sorgen zu machen. Die Kreuzberger Mischung überlebt.
Und wenn nicht, bleibt uns ja noch immer Iris Hanikas Hundeklo samt der "West-Berliner Spezialität" Hundekot:
Vulgo: Hundekacke. Spezialität West-Berlins, das als "Welthauptstadt der Hundekacke" angeblich täglich 16 Tonnen dieses Stoffes produzierte, aber auch ein tief empfundenes Heimatgefühl vermittelte: "Kommst du von einer Reise zurück, steigst aus dem Wagen und stehst bis zu den Knöcheln in Hundekot, weißt du - du bist wieder zu Hause." Die Beseitigung der "Tretminen" durch die Stadtreinigung hat sich bis heute als unlösbar erwiesen.
(Art. "Hundekot", in: Das kleine Westberlin-Lexikon, S. 122)
Literatur:
- Olaf Leitner (2002): West-Berlin! Westberlin! Berlin (West)!. Die Kultur - die Szene - die Politik. Erinnerungen an eine Teilstadt der 70er und 80er Jahre, Berlin : Schwarzkopf & Schwarzkopf.
- Ulf Mailänder, Ulrich Zander (2003): Das kleine Westberlin-Lexikon. Von "Autonome" bis "Zapf" - die alternative Szene der siebziger und achtziger Jahre, Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf.