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Der Stadtfeind Nr. 1, der bereits hier schon gewürdigt worden ist, feiert seine visuelle Wiederauferstehung anlässlich seines 20. Todestages am 5. Mai im Dokumentarfilm Das NEUSS Testament (Deutschland 2009, 72 min.) von Rüdiger Daniel, der noch mindestens diese Kinowoche um 17.30 Uhr in einer der wenigen Ausgehmöglichkeiten im Besoffenepöbeltouristenquartier von Ostberlin-Mitte, dem Kino Central, auf der Leinwand zu bewundern ist.
Regie: Rüdiger Daniel - Kamera: Jörg Jeshel, Claus Judeich - Schnitt: Vera Bogdahn - Dokumentarfilm - Mitwirkende: Wolfgang Neuss, Gisela Groenewold u.a. - D 2008 - 72 min.
Wolfgang Neuss (1923-1989) war "Der Mann mit der Pauke", Filmstar, Spielverderber, Bundesfilmpreisträger, Spaßvogel, Haschrebell. Am 5. Mai jährt sich sein Todestag zum zwanzigsten Mal.
Als junger Soldat schießt er sich den Zeigefinger der linken Hand ab. Er will raus aus dem Krieg und Clown werden, und er mausert sich zum populärsten Kabarettisten im Nachkriegs-Deutschland. In den 68ern verwandelt er sich zum Kommunisten, dann wandelt er sich zum meditierenden Haschrebellen, den heute im Internet 150.000 Einträge zitieren. Der Querkopf zieht uns in seinen Bann: Er erzählt, dichtet, singt und schreit über sich und über seine Wandlungen. Neuss spaltet die Nation und die Menschen, die ihm begegnen.
Am 2. Mai 1989, drei Tage vor seinem Tod, ruft Neuss den Filmemacher Rüdiger Daniel in seine Wohnung in die Lohmeyerstraße in Berlin-Charlottenburg. Er will sprechen und hinterlässt Daniel seinen finalen Monolog. Das vorliegende "Selbstporträt" basiert auf diesen zum Teil unveröffentlichten letzten Aufnahmen. Dazu gesellen sich Zeitzeugen, die das erste Mal vor der Kamera von ihrem Leben mit Wolfgang Neuss erzählen: seine Schwester Eva, seine Geliebte Gisela Groenewold und sein "Sympathisant" Richard von Weizsäcker. Außerdem erinnern sich sein Anwalt, sein Biograf und seine beiden Masseure an das "Ungeheuer von Loch Neuss", wie sich Neuss selbstironisch bezeichnete.
Natürlich gibt es wie schon bei Captain Berlin vs. Hitler ein schickes Programmheft im pdf-Format als Begleitlektüre.
Wer nicht die Möglichkeit hat, sich den Film in voller Länge anzuschauen, aber das Fernsehen des RBB empfangen kann, darf dann einen 45 minütigen Ausschnitt nicht verpassen, den der RBB am Montag, dem 4. Mai 2009 um 21.00 Uhr ausstrahlt:
Der Filmstar
wandelte sich später als 68er zum Kommunisten und danach zum
Haschrebellen. Im Film erzählt er seine Lebensgeschichte mit seinem
Video-Testament, das er drei Tage vor seinem Tode aufnehmen ließ.
Höhepunkte seines Lebens kommentieren seine Tochter Jette, seine Schwester Eva, sein Anwalt und Vertrauter
Kurt Groenewold sowie Richard von Weizsäcker, der zusammen mit Neuss in der SFB Talkshow „Leute” eine
Sternstunde des deutschen Fernsehens mitgestaltete.
Berlins
damaliger Regierender Bürgermeister traf in der Sendung auf den
„Stadtfeind Nr. 1”. Heute erinnert sich Weizsäcker: Er war sich mit
Neuss „vollkommen einig. Der war sehr gut”.
Zum Schluss und/oder Einstimmung sei noch der Eintrag zur Person aus dem Kleinen Westberlin-Lexikon (S. 195f.) zitiert:
NEUSS, WOLFGANG
Kabarettist, geboren 1923. Buhmann der Nation wurde er 1961, weil er in einer Zeitungsanzeige den Mörder des dreiteiligen Fernsehkrimis: »Das Halstuch« (BRD 1961/62) von Francis Durbridge verriet: »Der Borsche war’s.« Neuss hatte sich während des Zwei-ten Weltkriegs einen Finger abgeschossen, um dem Gemetzel zu entgehen. Er landete als Komiker bei der Truppenbetreuung. 1946 wurde er wegen Verächtlichmachung der britischen Besatzungs-macht zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Als »Mann mit der Pauke« bügelte er im West-Berlin des Kalten Krieges stets ge-gen den Strich, was ihm den Zorn der Einwohner-Mehrheit und den Respekt der New York Times einbrachte. Neuss startete im »Domizil« am Lützowplatz sein erfolgreiches politisches Solo-Kabarett (»Neuss Testament«, »Das jüngste Gerücht«, »Marxmenschen«, »Asyl im Domizil«). Er versuchte sich ebenso erfolgreich als Regisseur, Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Produzent (»Wir Kellerkinder«, »Genosse Münchhausen«), gab ein Blatt namens »Neuss Deutschland« heraus und wurde reich. Das änderte sich, als er drogenabhängig wurde (»Auf deutschem Boden soll nie wieder ein Joint ausgehen«) und jegliche Tätigkeit einstellte. Zu Hausbesetzerzeiten erinnerte man sich an den genialen Sozialhilfeempfänger, der in den letzten Jahren einer zahnlosen Indianersquaw glich. Er wurde reaktiviert und trat u.a. in der Tempelhofer Ufa-Fabrik auf. An seine früheren Erfolge konnte er jedoch nicht wieder anknüpfen. Legendär bleibt Neuss’ Auftritt 1983 in einer ZDF-Talkshow mit Richard von Weizsäcker, der gerade für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen wurde. Die Talkmaster kapitulierten vor Neuss, der sie einfach verbal überfuhr und von Weizsäcker (den Neuss penetrant mit »Ritchie« anredete) letzten Endes selber interviewte. Am 5. Mai 1989 starb Wolfgang Neuss. Er wurde auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof an der Seite seines Kabarett-Partners Wolfgang Müller beigesetzt.
Schade, dass Wolfgang Neuss nicht mehr den Fall der Mauer ein halbes Jahr später erlebt hat, er hätte seine helle Freude gehabt, wie seine Freundin Gisela Groenewold mutmaßt - spätestens zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall hätte er die bitter nötigen Lacher wieder auf seiner Seite gehabt, wetten? Logo!
Und vielleicht ist West-Berlin bereits am 5. Mai vor zwanzig Jahren schon mit "The Neuss" gestorben - und nicht am 9. November 1989 oder gar am 3. Oktober 1990, es wäre jedenfalls eine tröstlichere Vorstellung, auch wenn es außer ihm erst einmal niemand mitbekommen hätte, darum:
"Reimt Verse freche Lieder
schlagt die Pauke und krakeelt"
- Wolfgang Neuss
Um gleichsam den Heimatspaziergang von der einstigen Städtischen Irrenanstalt zu Dalldorf fortzusetzen, sei gesagt:
"Früher, wo ich links war, war ich für die Leute im Knast. Jetzt, wo ich Geist bin, bin ich für die Leute im Irrenhaus."
- Wolfgang Neuss 1979*
Vor ein paar Tagen hätte der unnachahmliche Wolfgang Neuss seinen 85. Geburtstag gefeiert, wenn der Mann mit der Pauke sich nicht schon 1990, als er noch einen Kiffer in Berlin hatte, in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hätte. Also Grund genug, um an einen der wortgewaltigsten und -witzigsten, scharfzüngigsten und schrägsten Köpfe, von denen zugegebenermaßen die "alte" Bundesrepublik nicht allzu viele besaß (die "neue" seit 1990 erst recht nicht...) zu erinnern - oder nach dem Urteil von Mathias Bröckers, den wachsten und witzigsten Menschen, den ich je kennengelernt habe.
Genug der Worte - oder um es mit dem totalen Neuss zu sagen: Ich sitze und lausche...
*1979 - Neuss als Chronist und Gerichtsreporter: Bericht über den Prozeß, den man ihm wegen unerlaubten Drogenbesitzes vor dem Schöffengericht gemacht hat, nachdem in seiner Wohnung 35 g Haschisch gefunden worden waren. Als angeregt wird, Neuss solle sich ambulant einer psychiatrischen Untersuchung unterziehen lassen, kommentiert der Angeklagte: "Sehr gut. Da gehe ich hin. Und da werden wir dann so lange reden, bis Sie so denken wie ich."
(Der totale Neuss. Gesammelte Werke, herausgegeben von Volker Kühn, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins: Hamburg, 1997, S. 676.)
Ich lege Wert darauf, kaputt zu sein.
- Wolfgang Neuss